Das Ruhrgebiet darf sich nun Kulturhauptstadt Europas nennen, wie gleichermaßen das ungarische Pécs und das türkische Istanbul, die immerhin wirkliche Städte sind. Dreiköpfig, reitet Europa nun nichtmehr auf einem Stier, der den Gottvater Zeus als legitimen Herrscher repräsentiert, sondern auf der kopflosen Bestie der ach so freien Marktwirtschaft.
In der ehemaligen Raucherlunge der Republik, geht es nach wie vor um die Kohle. Konnte man diese einst aus der Erde fördern, so benötigte man heute einen Köhler um das Spektakel zu eröffnen.
Der Bürgerkönig kam mit Filzhut statt Krone zur Eröffnungsfeier. Kein Gold, dass ewige Werte verkörpern und noch das Angesicht des einfachsten Volkes glänzend zu reflektieren vermag, sondern Filz als Resultat rastlosen Netzwerkens. Filz als Verstrickung in der Ideologie von Leistung, Aufstieg und “verdienter” Vorherrschaft.
Bürgerlicher Filz regiert, will vorweggehen, anführen und verführen zur Anerkennung seiner Codes. Dabei ist es wohl eher ein ständiges Vorwegnehmen des immer wieder beschworenen Strukturwandels, der Einkaufzentrum auf Einkaufszentrum schichtet, Metropolenträume träumt, den Menschen aber in seiner Selbstachtung unter Tage belässt.
Die Eröffnungsfeier erinnerte vielfach an sowjetischen Realismus und Militärparaden asiatischer Diktaturen: Gesichtslose Tänzer zeigten, wie sich die bürgerliche Elite körperliche Arbeit vorstellt, während das Publikum durch uniforme Kleidung ein farbiges Mosaik bildete. Immerhin fehlte das Paradieren der Streitkräfte, die derzeit glücklicherweise unter Kontrolle des Adels stehen.
Dieser sollte auch Kunst und Kultur endlich wieder ihrer angestammten Rolle zuführen. Nicht in Zechen und öffentlichen Museen hat sie ihren Platz, sondern in prunkvollen Schlössern soll sie die Erhabenheit des Adels wiederspiegeln. Das Bürgertum hingegen hat keine Kultur. Es ist ein Zwitter aus Volk und Adel, der sich von Beiden feindseelig abgrenzt. Der dröge Grönemeyer ist hier wohl ein beispielhaftes Exemplar dieser Gattung: Weder den kleinen Mann auf der Straße (Fisch) vermag er zu begeistern, noch den wahren Kunstkenner (Fleisch) der sich angewiedert abwendet.
Europa braucht Kaiser und Könige, damit Kunst und Kultur wieder Fuß fassen können. Bis dahin sollte die Kulturhauptstadt es Herrn Köhler gleichtun, ihren Hut ziehen, “Finger im Po – Mexiko” rufen und Zuflucht finden in den Schlagerkneipen der einfachen Leute.
